Buchbesprechung, Peter u. Wolfgang Arnold, Die Bombenfunktion des Zinseszins

Quelle: (Fortunanetz)

Wenn ein LKW voll beladen über die Autobahn donnert, hat es den Anschein, dass er nur fährt, weil im Tank Benzin ist. Das ist aber nur die vordergründige Wahrheit.

Der LKW-Fahrer hat zu Hause eine Familie, laufende Kosten, womöglich ist sein Häuschen kreditfinanziert. Er braucht Geld. Deshalb transportiert er Ware. Sein Auftraggeber hat diese Ware erstellt oder gekauft und handelt damit. Nehmen wir an, er hat sie erstellt. Er hatte dazu Produktionskosten. Er musste Rohstoffe zur Herstellung der Waren kaufen. Er hat Angestellte, eine Produktionshalle und ebenfalls laufende Kosten. Zum Zeitpunkt der Warenproduktion hat der Produzent aber nur Kosten und nichts an dieser Produktion verdient. Aber das Geld (Kapital) hat er vorgeschossen und er ist auf den Verkauf der Ware angewiesen. Üblicherweise gewährt ihm als Geschäftsmann eine Bank einen Kredit zur Produktion der Waren, der aber einen Fälligkeitstermin hat.

Und so haben wir eine gewaltige Kette von Rohstofflieferanten, Industriellen, Händlern, Transportunternehmern, Warenhäusern und Kunden, die alle in irgend einer Weise kreditfinanziert produzieren. Der wahre Treibstoff für den LKW ist nicht das Benzin, sondern die Schuld. Und anders als noch bei Adam Smith, bei dem die unsichtbare Hand alles reguliert, sind es heute die Banken die hinter all dem stehen.

Die beiden Autoren des Buches „Die Bombenfunktion Zinseszins“ stellen in ihrer kleinen (tabulosen) Fibel alles zusammen, was mit dem kleinen Einmaleins der Finanzmathematik zu tun hat – und zwar für Laien. Das Ziel ist nicht nur, dass man den Zinseszins errechnen kann, sondern dass man auch versteht, weshalb der Zinseszins als solcher dazu führen muss, dass das derzeitige Wirtschaftssystem alle 70 bis 80 Jahre zusammen brechen muss – und zwar unabhängig davon, mit welcher Ideologie man diesen Zusammenbruch begründet.

Für die Autoren ist die Errechnung des Zinseszins der sichere Beleg dafür, dass der Zeitpunkt eintreten muss, an dem der wirtschaftliche Turm, genannt ewiges Wachstum, umfallen muss – nämlich dann wenn das Wirtschaftswachstum hinter der Zinsforderung nicht mehr hinterher kommt.

Interessant an diesem Buch ist, dass die Autoren sich der vielen Probleme bewusst sind, die ein Normalbürger mit der Mathematik und dem Zinseszins haben muss.

Sie versuchen darauf einzugehen:

Die meisten Menschen haben das Problem, dass sie sich unter großen Zahlen gar nichts vorstellen können. So hat die BRD beispielsweise 2,1 Billionen Euro explizite Schulden ausgewiesen. Was sind 2,1 Billionen Euro? Natürlich macht es keinen großen Sinn das nun in ca. 4 Billionen DM umzurechnen. Daraus geht dann lediglich hervor, dass der Betrag in DM noch höher wäre….

Die Autoren versuchen es mit Übungen, in denen der Leser schätzen soll. Er soll ein Bauchgefühl dafür entwickeln, wie groß eine Zahl ist. Dabei ist „Größe“ natürlich relativ. Gegenüber einer kleinen Bakterie ist der Mensch „groß“ und zwar sehr groß. Er ist aber klein gegenüber dem „Wilden Kaiser“… Gelungen fand ich die grafische Darstellung von 1 Billion, einer Milliarde und einer Million Euro auf einer X- und Y-Achse. Daraus ersieht man, dass vom Standpunkt der Billion der Unterschied zwischen einer Milliarde und einer Million grafisch kaum noch darstellbar ist. Und damit weiß man: Eine Billion ist schon wirklich sehr sehr groß.

Sehr nützlich ist sicher die Darstellung der Autoren zur Finanzmathematik. Wie berechne ich einen Kredit, wie berechne ich seine Verzinsung und vor allem seine effektive Verzinsung (auf die es letztlich ankommt…)? Wie finde ich heraus, wann ein Kredit günstig ist und wie finde ich heraus, nach welcher Methode eine Bank diesen Kredit berechnet hat. Denn Banken stellen das natürlich zwar genau, aber nicht immer verständlich dar, wie sie es gerechnet haben, denn es gibt unterschiedliche Methoden, die jeweils für den Kunden oder die Bank günstiger sind.

Die Autoren führen auch den Nachweis, dass ein Zinseszins immer die grafische Funktion eines Hockey-Schlägers hat. Er beginnt langsam zu wachsen, steigt dann aber immer schneller immer steiler an. So verhält sich eben eine Exponentialfunktion. Und damit gelingt ihnen auch der Nachweis, dass der Zinseszins ein System sprengen muss, weil ab einem bestimmten Zeitpunkt das Wachstum der Wirtschaft die exponentiell wachsende Zinsforderung gar nicht mehr bedienen kann.

Wer jetzt denkt, das ist alles Mathematik, das kann ich nicht, dem sei gesagt. Die vier Grundrechenarten und etwas Übung mit sehr großen Zahlen reichen aus, um die im Buch vorgestellten Modellrechnungen nachvollziehen zu können. Höhere Mathematik kommt eher selten vor und wenn doch, wird sie nur andiskutiert. Ich habe in dem Buch nur wenige Stellen gefunden, die in den Bereich der höheren Mathematik weisen. Es gibt eine Beispielrechnung aus dem Bereich Logarithmusrechnung, einmal wird eine Tangente an eine Kurve gemalt um die Steigung zweier Kurvenpunkte zu zeigen. Aber die Autoren vermeiden es, eine mathematische Kurvendiskussion durchzuführen, eben um das Buch einfach zu halten. An einer Stelle wird die Eulersche Zahl eingeführt, aber niemand muss die Eulersche Zahl genau kennen um zu verstehen was die Autoren sagen wollen. Und einmal kommen die allseits beliebten Fibonacci-Zahlen vor, die jedem Freund der Elliottwellen-Theorie das Herz höher schlagen lassen! Aber weder werden die Matheabenteuer des Herrn Fibonacci näher erläutert noch gar auf den „Goldenen Schnitt“ eingegangen, was vermutlich bei Lesern mit mathematischen Grundkenntnissen nur Rätselraten ausgelöst hätte.

Kurzum: Das Buch ist wirklich mit einfachen Kenntnissen der Mathematik zu verstehen und Dank der im Buch von den Autoren genannten eigenen Webseite kann man sogar die Rechnungen üben und seine Kenntnisse in Finanzmathematik vertiefen.

Wer nun wirklich keine Lust auf Mathe hat, weil es in der Schule sein Hass-Fach war, kann anhand der schönen Beispiele im Buch dennoch die Bedeutung der Exponentialfunktion nachvollziehen. So findet sich auf S. 137/138 ein tolles Beispiel dafür, wie man sich irren kann. Dort wird die Geschichte eines Stadtteiches geschildert, in dem sich die Zahl der Seerosen jährlich verdoppelt hat – und das 80 Jahre lang. Zum 80ten Jahr ist der Teich zu einem Viertel mit Seerosen bedeckt. Und weil er so schön ist, macht die UNESCO den Teich zu einem Weltkulturerbe. Frage: Wie lange braucht es noch bis der Teich mit Seerosen insgesamt bedeckt ist und umkippt? Nachdem der See zum Weltkulturerbe erklärt wurde, dauerte es eben noch 2 Jahre bis er umkippt… Daraus lernen wir: Eine Exponentialfunktion eignet sich nicht als Weltkulturerbe. Sie „lebt“ nicht lange genug…

Um eine solche eigentlich eindeutige Entwicklung unserer Volkswirtschaft nicht zu erkennen, muss eine Gesellschaft, wie die Autoren richtig erkennen „lobotomiert“, also Gehirn-tot, sein. (Siehe S. 311)

Die hier genannten Textbeispiele sollen vor allem zeigen, dass das Buch sich zwar im Kern um Finanzmathematik dreht, aber doch immer wieder lehrreiche Ausflüge in den Bereich des gesunden Menschenverstandes und in die Bereiche Gesellschaftskritik und Politik bietet, die gelegentlich sehr erhellend sein können – vor allem dann, wenn man die mathematischen Beispiele verstanden hat.

Unter allen Formeln aber, die dieses Buch bespricht, gab es eine kleine, die ich vermisst habe und die einzuführen ich mich hier erlaube. Vielleicht besprechen die Autoren eines Tages auch diese Formel einmal näher: „ Schulden = Mathematik + Gewalt.“

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern großen Erkenntnisgewinn aus diesem interessanten Buch „Die Bombenfunktion Zinseszins“.

Das Buch kann hier gekauft werden!

Ihr

fortunato

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