Bloomberg: Europa könnte in zwei Monaten das Gas ausgehen

Bloomberg hat Experten zu der Situation auf den europäischen Gasmarkt befragt und die Prognosen waren pessimistisch. Wenn der Winter kalt wird, könnte Europa in zwei Monaten das Gas ausgehen.

von Thomas Röper (anti-spiegel)

Wieder einmal bin ich durch russische Medien auf eine interessante Meldung aufmerksam geworden. Das russische Fernsehen hat über einen Artikel bei Bloomberg berichtet, in dem Experten zu der Situation auf dem Gasmarkt in Europa befragt wurden. Ich werde zunächst den Artikel des russischen Fernsehens übersetzen und danach berichten, warum die Lage sogar noch dramatischer sein könnte.

Beginn der Übersetzung:

Europa wird in zwei Monaten ohne Gas dastehen, weil der Frost zurückgekehrt ist und die Gasreserven in den unterirdischen Speichern gering sind, prognostizierten von Bloomberg befragte Ökonomen und Händler.

„Es ist schwer vorstellbar, wie die nötige Höhe an Gasreserven ohne zusätzliche Lieferungen aus Russland über Nord Stream 2 oder die derzeitigen Routen erreicht werden kann“, sagte Massimo Di Odoardo, Vizepräsident der Beratungsfirma Wood Mackenzie.

Zu den Gründen für die aufziehende Krise in der EU gehören die rückläufige einheimische Gasproduktion und der Mangel an Gas auf dem Markt, die Lieferungen aus Russland und Flüssigerdgas (LNG) aus den USA reichen nicht aus.

„Vor den beiden kältesten Monaten des Winters gibt es Befürchtungen, dass Europa das Gas ausgehen könnte“, sagten von Bloomberg befragte Wirtschaftsexperten und Marktteilnehmer.

Die unterirdischen Gasspeicher in der EU sind seit dem 3. Januar wieder auf Nettoverbrauch (die Entnahme übersteigt die Einspeicherung) umgestiegen, nachdem sie vom 30. Dezember bis zum 2. Januar vier Tage lang aufgefüllt worden waren, so die Daten der Gasplattform Gas Infrastructure Europe (GIE), die Vesti.Ru einsehen konnte. Das waren die ersten Tage seit der am 13. Oktober 2021 begonnenen Heizperiode, an denen die Speicher befüllt netto wurden.

Jetzt haben sich die Entnahmen wieder erhöht und die europäischen Gasspeicher sind zu 56,4 Prozent gefüllt, während die Speicher vor einem Jahr an diesem Datum – dem 3. Januar – zu 71,34 Prozent gefüllt waren.

Der Gaspreis in Europa ist wieder über 1.100 Dollar gestiegen, weil die Erwärmung durch eine neue Welle arktischer Kälte abgelöst wurde, nachdem der Preis kurzzeitig auf 800 Dollar pro tausend Kubikmeter gefallen war.

Der Gaspreis in Europa stieg Ende 2021 innerhalb einer Woche um 39 Prozent und erreichte am 21. und 22. Dezember zum ersten Mal in der Geschichte 2.220 Dollar. Der Preis hat in diesem Winter schon mehrmals Rekorde gebrochen und außerdem werden im Sommer 2022 neue historische Höchststände bei den Gaspreisen folgen, warnten die von Bloomberg befragten Brennstoffhändler Ende des Jahres.

Der Spotpreis für Gas bei sofortiger Lieferung, der in London gehandelt wird, fiel in der letzten Woche des Jahres 2021 in Erwartung einer Flottille von Flüssigerdgas-Tankern, die die USA in Richtung Europa verlassen haben, ist aber immer noch um Vielfaches höher als in den Vorjahren, als die Notierungen stabil um 240 Dollar lagen, so die Intercontinental Exchange in London.

Ende der Übersetzung

Nun kommen wir zu den angekündigten Meldungen, die die Lage noch dramatisieren könnten.

Ukraine kündigt Diebstahl von Gas an

Westlichen Medien und Politiker behaupten immer wieder, Russland könnte Gas als politisches Druckmittel einsetzen und führen dabei gerne an, dass Russland der Ukraine schon ab und an den Gashahn zugedreht hat oder die Gaslieferungen über die Ukraine nach Europa verringert hätte. Sie verschweigen dabei zwei Fakten. Erstens hat Russland der Ukraine den Gashahn nur zugedreht, nachdem die Ukraine zuvor viele Monate lang ihre Gasrechnungen nicht bezahlt hat. Zweitens – und das ist wichtig zu wissen – hat die Ukraine in diesen Fällen kurzerhand Gas aus der Transitpipeline entnommen, das für Europa bestimmt war. Es war also die Ukraine, die von EU-Staaten gekauftes Gas gestohlen hat und nicht Russland, das die Lieferungen reduziert hätte. Die Details über die früheren Gaskonflikte finden Sie hier.

Nun hat Andrej Kobolev, der ehemalige Chef des staatlichen ukrainischen Gasversorgers, offen angekündigt, dass die Ukraine demnächst wieder Gas aus der Transitpipeline stehlen könnte, weil der Füllstand der Gasspeicher in der Ukraine noch niedriger ist als in der EU. Der Ukraine droht das Gas noch schneller auszugehen als den Europäern. Das würde, so hat er in einem Artikel geschrieben, dazu führen, dass Gazprom den Transitvertrag kündigt, was wiederum bedeuten würde, dass danach weder die Ukraine noch die EU über die ukrainische Pipeline mit Gas versorgt werden können.

Man benötigt nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die westlichen Medien und Politiker darauf reagieren würden. Wie schon die Gaskonflikte der Vergangenheit gezeigt haben, würden sie Russland beschuldigen, Gas als Druckmittel einzusetzen und verschweigen, dass der Grund für die Misere ist, dass die Ukraine Gas gestohlen hat, das für die EU bestimmt war und von EU-Staaten bezahlt wurde.





Die Gründe für die Energiekrise in Europa

Über die Gründe für die Energiekrise in Europa habe ich oft berichtet, daher fasse ich sie hier der Vollständigkeit halber nur noch einmal kurz zusammen.

Erstens: Der letzte Winter war kalt, weshalb viel Gas verbraucht wurde. Pipelines und Tanker reichen nicht aus, um im Winter genug Gas nach Europa zu bringen, weshalb die Gasspeicher normalerweise im Sommer aufgefüllt werden. Das ist in diesem Jahr ausgeblieben und während die Gasspeicher normalerweise zu Beginn der Heizsaison zu fast 100 Prozent gefüllt sind, waren es in diesem Jahr nur knapp 75 Prozent.

Zweitens: Die Energiewende hat zu einem zu großen Anteil von Windenergie am Strommix geführt. Da der letzte Sommer aber außergewöhnlich windstill war, fehlte die Windkraft und es wurde unter anderem Gas zur Stromerzeugung genutzt, das eigentlich in die Speicher hätte geleitet werden müssen.

Drittens: Der Wunsch vieler europäischer Politiker, russisches Gas durch vor allem amerikanisches Flüssiggas zu ersetzen, hat dazu geführt, dass in Europa nun Gas fehlt. Der Grund: In Asien sind die Gaspreise noch höher als in Europa und die fest eingeplanten amerikanischen Tanker fahren nach Asien, anstatt nach Europa.

Viertens: Die Reform des Gasmarktes der letzten EU-Kommission hat den Handel mit Gas an den Börsen freigegeben. Dadurch wurde Gas zu einem Spekulationsobjekt. Während Gazprom sein Gas gemäß langfristiger Verträge für 230 bis 300 Dollar nach Europa liefert, ist es für die Importeure ein gutes Geschäft, das Gas an der Börse für 1.000 Euro weiterzuverkaufen und diese Spekulationsgewinne in Höhe von mehreren hundert Prozent in die eigene Tasche zu stecken.

Warum Gazprom trotzdem langfristige Verträge möchte? Die Antwort ist einfach, denn das war auch in Europa so, als in Europa noch Gasfelder erschlossen wurden. Der Produzent von Gas muss Milliardeninvestitionen planen und das geht nur, wenn er weiß, wie viel Gas er langfristig zu welchem Preis verkaufen kann. Daher möchte ein Gasproduzent langfristige Verträge, auch wenn der Preis zeitweise möglicherweise viel niedriger ist als der, den er an der Börse erzielen könnte.

Auch für den Kunden ist es von Vorteil, wenn er die Gaspreise und die Gasmengen im Voraus planen kann, denn was passiert, wenn man sich auf kurzfristige Verträge einlässt, erleben wir gerade in Europa. Dass die EU-Kommission sich trotzdem für kurzfristige Verträge und Börsenhandel von Gas einsetzt, ist entweder Inkompetenz, oder der Wunsch europäischen Konzernen die lukrative Börsenspekulation mit Gas auf Kosten der Verbraucher zu ermöglichen, oder die politische Abhängigkeit von den USA, die auf kurzfristige Verträge setzen, weil ihrer schnelllebigen Frackingindustrie schnelle Gewinne wichtiger sind als langfristige Planungssicherheit.

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