Bilderberg kümmert sich um China

Wenn die Botenjungs aus Davos und von Bilderberg einen Blick auf das große Schachbrett werfen, erkennen sie, dass ihre Zeit der immerwährenden Gratis-Kultur vorbei ist.

Von Pepe Escobar (free21)

Dieser Text wurde zuerst am 03.06.2022 auf www.strategic-culture.org unter der URL <https://www.strategic-culture.org/news/2022/06/03/bilderberg-does-china/> veröffentlicht. Lizenz: Pepe Escobar/Strategic Culture

Diskret – so unauffällig wie ein drohender Virus – findet derzeit das 68. Bilderberg-Treffen [1] in Washington, D.C. statt. Hier gibt es nichts zu sehen. Keine Verschwörungstheorien über eine „geheime Kabale“, bitte. Es handelt sich lediglich um eine gutmütige, „vielfältige Gruppe von politischen Führern und Experten“, die plaudern, lachen und ein Gläschen Schampus trinken.

Dennoch bleibt einem nichts anderes übrig, als festzustellen, dass die Wahl des Veranstaltungsortes mehr Bände spricht als die gesamte – bis auf die Grundmauern niedergebrannte – Bibliothek von Alexandria. In dem Jahr, in dem die Explosion eines lang erwarteten Stellvertreterkrieges zwischen der NATO und Russland eingeläutet wird, passt die Erörterung seiner unzähligen Folgen viel besser in die Hauptstadt des Lügenimperiums, als nach Davos vor einigen Wochen, wo ein gewisser Henry Kissinger die Leutchen in Raserei versetzte, als er die Notwendigkeit eines giftigen Kompromisses namens „Diplomatie“ propagierte.

Es ist ein Vergnügen, die Liste der Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz 2022 [2] zu studieren. Hier nur einige der Getreuen:

  • James Baker, Consigliere extraordinaire, jetzt nur noch Direktor des Office of Net Assessment im Pentagon.
  • José Manuel Barroso, ehemaliger Chef der Europäischen Kommission, erhielt später einen goldenen Fallschirm in Form des Vorstandsvorsitzes von Goldman Sachs International.
  • Albert Bourla, der Obermacker von Pfizer.
  • William Burns, CIA-Direktor.
  • Kurt Campbell, der Mann, der Obamas/Hillarys „Schwenk nach Asien“ erfand, ist jetzt Koordinator des Weißen Hauses für den indopazifischen Raum.
  • Mark Carney, ehemals Bank of England, einer der Gestalter des Great Reset, jetzt stellvertretender Vorsitzender von Brookfield Asset Management.
  • Henry Kissinger, die Stimme des Establishments (oder ein Kriegsverbrecher: suchen Sie sich was aus).
  • Charles Michel, Präsident des Europäischen Rates.
  • Minton Beddoes, Chefredakteur des Economist, der alle wichtigen Bilderberg-Direktiven in den kommenden Titelgeschichten des Magazins pflichtbewusst weiterleiten wird.
  • David Petraeus, zertifizierter Verlierer von endlosen Vorstößen und Vorsitzender des KKR Global Institute.
  • Mark Rutte, falkenartiger Premierminister der Niederlande.
  • Jens Stoltenberg, NATO-Spitzenpapagei, Verzeihung, Generalsekretär.
  • Jake Sullivan, Direktor des Nationalen Sicherheitsrates.

Die ideologischen und geopolitischen Zugehörigkeiten dieser Mitglieder der „vielfältigen Gruppe“ brauchen nicht weiter erläutert zu werden. Noch spannender wird es, wenn wir sehen, worüber sie diskutieren werden.

Zu den weiteren Themen gehören „NATO-Herausforderungen“, „Indopazifische Neuausrichtung“, „Kontinuität von Regierung und Wirtschaft“ (Verschwörungstheoretiker: Kontinuität im Falle eines Atomkrieges?), „Störung des globalen Finanzsystems“ (bereits im Gange), „Gesundheit nach einer Pandemie“ (Verschwörungstheoretiker: Wie kann man die nächste Pandemie herbeiführen?), „Handel und Deglobalisierung“ und natürlich die Wagyu-Rindersteaks der Wahl: Russland und China.

(Wagyu bezeichnet japanische Rinderrassen, deren Fleisch besonders erlesen und schmackhaft sein soll. Es gilt als teuerstes Fleisch der Welt, Anm. d. Redaktion).

Da Bilderberg den Chatham-Haus-Regeln folgt, werden Normalsterbliche keine Ahnung davon haben, was tatsächlich „vorgeschlagen“ oder genehmigt wurde, und keiner der Teilnehmer darf mit jemand anderem darüber sprechen. Eine meiner besten New Yorker Quellen, die direkten Zugang zu den meisten Meistern des Universums hat, witzelt gerne, dass Davos und Bilderberg nur für die Botenjungen sind: Die Leute, die wirklich das Sagen haben, machen sich nicht einmal die Mühe, sich zu zeigen, da sie sich für ihre super-privaten Treffen in super-privaten Clubs verschanzen, wo die wirklichen Entscheidungen getroffen werden.

Jeder, der den verrotteten Zustand der „regelbasierten internationalen Ordnung“ im Detail verfolgt, wird jedoch eine ziemlich gute Vorstellung vom Bilderberg-Geschnatter 2022 haben.

Präsident Ford und Tochter Susan sehen zu, wie Außenminister Henry Kissinger Mao Tse-Tung die Hand schüttelt; Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas bei einem Besuch in der Residenz des Vorsitzenden am 2.12.1975
(Foto: Unbekannt/Courtesy Gerald R. Ford Library, Wikimedia Commons, public domains)

Was die Chinesen sagen

Außenminister Little Blinken – Sullivans Sidekick im laufenden „Dumm und Dümmer“-Remake der Crashtest-Dummy-Administration – hat kürzlich behauptet, dass China Russland in der Ukraine „unterstützt“, anstatt neutral zu bleiben.

Worauf es hier wirklich ankommt, ist, dass der kleine Blinken unterstellt, Peking wolle den asiatisch-pazifischen Raum destabilisieren – was eine notorische Absurdität ist. Und doch ist es das Meister-Narrativ, welches den USA den Weg zur Stärkung ihres „indopazifischen“ Gebräus ebnet. Und das ist das Briefing, das Sullivan und Kurt Campbell der „diversen Gruppe“ geben werden.

Davos – mit seinem neuen selbstgefälligen Mantra des „Großen Narratives“ – hat Russland komplett ausgeschlossen. Bei Bilderberg geht es vor allem um die Eindämmung Chinas – das schließlich die existenzielle Bedrohung Nummer eins für das Lügenimperium und seine Statthalter ist.

Anstatt auf die vom „Economist“ verteilten Bilderberg-Häppchen zu warten, ist es viel produktiver, sich anzuschauen, was ein Querschnitt der faktenbasierten chinesischen Intelligenz über den neuen Schwindel des „vereinten Westens“ denkt.

Beginnen wir mit Justin Lin Yifu, ehemaliger Chefvolkswirt der Weltbank und jetzt Dekan des Instituts für Neue Strukturökonomie an der Universität Peking, und Sheng Songcheng, ehemaliger Leiter der Abteilung für Finanzprüfung und Statistik bei der Bank of China.

Sie gehen davon aus [3], dass die chinesische Wirtschaft im Jahr 2022 um 5,5 % wachsen könnte, wenn China bis Ende Mai eine „dynamische Null-Infektion“ bei Covid-19 erreicht (das ist tatsächlich geschehen: siehe das Ende des Lockdowns in Shanghai).

Sie weisen den imperialen Versuch zurück, eine „asiatische Version der NATO“ zu schaffen: „Solange China weiter wächst und sich öffnet, würden sich die europäischen und ASEAN-Länder nicht an der Abkopplungs-Falle der USA beteiligen, um ihr Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu sichern.“

(ASEAN = Association of Southeast Asian Nations, Verband Südostasiatischer Nationen; Anm. d. Redaktion).

Drei Wissenschaftler des Shanghai Institute of International Studies und der Fudan University kommen zum gleichen Schluss [4]: Das von den USA angekündigte „Indo-Pacific Economic Framework“, das die wirtschaftliche Säule der indo-pazifischen Strategie bilden soll, ist nichts anderes als ein schwerfälliger Versuch, „den inneren Zusammenhalt und die regionale Autonomie von ASEAN zu schwächen“.

Liu Zongyi betont, dass Chinas Position im Zentrum der weit vernetzten asiatischen Lieferketten „gefestigt“ wurde, insbesondere jetzt, da das größte Handelsabkommen der Welt, die „Regionale Umfassende Wirtschaftspartnerschaft“ (RCEP), in Kraft getreten ist.

Chen Wengling, Chefökonom eines Think Tanks, der der wichtigen Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission untersteht, weist auf den von den Amerikanern gestarteten „umfassenden ideologischen und technologischen Krieg gegen China“ hin. [5]

Er weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass sie „nicht bereit für einen heißen Krieg sind, da die Volkswirtschaften der USA und Chinas so eng miteinander vernetzt sind.“ Der entscheidende Punkt ist, dass „die USA noch keine wesentlichen Fortschritte bei der Stärkung ihrer Lieferkette gemacht haben, die sich auf vier Schlüsselbereiche, darunter Halbleiter, konzentriert“.

Chen sorgt sich um „Chinas Energiesicherheit“; um „Chinas Schweigen“ zu den US-Sanktionen gegen Russland, die „zu Vergeltungsmaßnahmen der USA führen könnten“; und besonders darum, wie „Chinas Plan, die Belt and Road Initiative (BRI) mit der Ukraine und den EU-Ländern aufzubauen, beeinträchtigt wird“. In der Praxis wird die BRI den Wirtschaftskorridoren durch den Iran und Westasien sowie der maritimen Seidenstraße gegenüber dem transsibirischen Korridor durch Russland den Vorzug geben.

Yu Yongding von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS), ehemaliges Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Zentralbank, geht der Sache auf den Grund und stellt fest, dass „das globale Finanzsystem und der US-Dollar zu geopolitischen Instrumenten umfunktioniert wurden. Das ruchlose Verhalten der USA beim Einfrieren von Devisenreserven hat nicht nur die internationale Glaubwürdigkeit der USA ernsthaft beschädigt, sondern auch das Kreditfundament des vorherrschenden internationalen Finanzsystems im Westen erschüttert.“

Er bringt den Konsens unter den chinesischen Geheimdienstlern zum Ausdruck, dass „im Falle eines geopolitischen Konflikts zwischen den USA und China, Chinas Auslandsvermögen ernsthaft bedroht sein wird, insbesondere seine riesigen Reserven. Daher muss die Zusammensetzung von Chinas Auslandsvermögen und -verbindlichkeiten dringend angepasst werden, und der Anteil der auf US-Dollar lautenden Vermögenswerte im Reserven-Portfolio sollte reduziert werden.“

Dieses Schachbrett taugt nichts

In praktisch allen Bereichen der chinesischen Gesellschaft findet eine ernsthafte Debatte über den amerikanischen Einsatz des Weltfinanzkasinos als Waffe statt. Die Schlussfolgerungen sind unvermeidlich: schnell und mit allen Mitteln die US-Staatsanleihen loswerden; mehr Importe von Rohstoffen und strategischen Materialien (daher die Bedeutung der strategischen Partnerschaft zwischen Russland und China); und die Vermögenswerte in Übersee, insbesondere die Devisenreserven, fest sichern.

In der Zwischenzeit diskutiert die „diverse Gruppe“ der Bilderberger auf der anderen Seite des großen Teichs unter anderem darüber, was wirklich passieren wird, wenn sie den IWF-Schwindel auffliegen lassen (ein Schlüsselplan zur Umsetzung des „Great Reset“ oder des „Großen Narratives“).

Sie beginnen buchstäblich auszuflippen angesichts des langsamen, aber sicheren Aufkommens eines alternativen, ressourcenbasierten Währungs- und Finanzsystems: genau das, was die Eurasische Wirtschaftsunion (EAEU) derzeit mit chinesischem Input diskutiert und konzipiert.

Stellen Sie sich ein Anti-Bilderberg-System vor, in dem ein Korb von Akteuren des Globalen Südens, die reich an Ressourcen, aber wirtschaftlich arm sind, in der Lage sind, ihre eigenen durch Rohstoffe gedeckten Währungen herauszugeben und sich endlich von ihrem Status als IWF-Geiseln zu befreien. Sie alle beobachten aufmerksam das russische Experiment „Gas gegen Rubel“.

Und in Chinas speziellem Fall wird es immer auf eine Menge produktives Kapital ankommen, das eine massive, extrem tiefgehende industrielle und zivile Infrastruktur untermauert.

Kein Wunder, dass die Botenjungs von Davos und von Bilderberg, wenn sie auf das große Schachbrett schauen, von Angst erfüllt sind: ihre Ära der permanenten Gratis-Kultur ist vorbei. Was Zyniker, Skeptiker, Neoplatoniker und Taoisten mächtig freuen würde: Wenn es die Davos-Bilderberg-Männer (und -Frauen) selbst wären, die sich in Zugzwang gebracht haben.

Alle haben sich herausgeputzt – und können nirgendwo hin. Sogar Jamie Dimon von JP Morgan – der sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, zu Bilderberg zu gehen – ist verängstigt und sagt, dass ein wirtschaftlicher „Wirbelsturm“ bevorsteht. Und das Schachbrett umzuwerfen, hilft auch nicht: Das könnte bestenfalls zu einem feierlichen Besuch der Herren Sarmat und Zirkon im Smoking führen, die etwas Hyperschall-Sekt mitbringen. („Sarmat“ und „Zirkon“ sind Bezeichnungen russischer Raketen, Anm. d. Redaktion).

Quellen:

[1] Bilderberg Meetings Homepage „Bilderberg Meeting 2022 – 68th Bilderberg Meeting to take place 2 – 5 June 2022 in Washington, D.C., USA“ („Bilderberg-Treffen 2022 – 68. Bilderberg-Treffen findet vom 2. bis 5. Juni 2022 in Washington, D.C., USA statt“), in 2022: <https://bilderbergmeetings.org/press/press-release/press-release>
[2] Bilderberg Meetings Homepage „BILDERBERG MEETING 2022 Washington D.C., 2 June – 5 June 2022 – Participants“ („BILDERBERG MEETING 2022 Washington D.C., 2 June – 5 June 2022 – Teilnehmer“) in 2022: <https://bilderbergmeetings.org/press/press-release/participants>
[3] Read China Magazin, Justin Lin Yifu & Sheng Songcheng „How can China achieve its growth target in the face of COVID-19?“ („Wie kann China angesichts von COVID-19 sein Wachstumsziel erreichen?“), am 22.5.2022: <https://readchina.info/en-US/articles/582524134345408617>
[4] Read China Magazin, Liu Zongyi, Huang He & Zhang Yuting „The US Indo-Pacific strategy is pulling ASEAN into its game against China“ („Die US-Indopazifik-Strategie zieht ASEAN in ihr Spiel gegen China“), am 21.5.2022: <https://readchina.info/en-US/articles/583715462253117441>
[5] Strategic Culture Magazin, „Ukrainian official behind Western media reports of Russian atrocities fired by Ukraine‘s parliament
“ („Ukrainischer Beamter hinter westlichen Medienberichten über russische Gräueltaten, die vom ukrainischen Parlament abgefeuert wurden“), am 2.6.2022: <https://www.strategic-culture.org/news/2022/06/02/ukrainian-official-behind-western-media-reports-of-russian-atrocities-fired-by-ukrainian-parliament/>

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