Aufräumen

von Zulu

Liebe Gemeinde,

möchte grad nur ein paar Gedanken mit Euch teilen…vielleicht interessiert es ja jemanden. Eine kleine Heimatgeschichte…sozusagen.

Letzte Woche beim Einkaufen erspähte ich einen Obdachlosen neben seinem Hab & Gut (einen Einkaufswagen voll), ziemlich reglos liegend, aber sich noch rücklings auf einer Wiese windend. Nur 4 Meter daneben saß ein Vater mit 2 Kindern und lutschten gemütlich ihr Eis. Bin natürlich hingegangen! Der Namenlose liegt jetzt vermutlich im Krankenhaus oder ist bereits tot. Hätten sie angeblich „nicht gesehen“. Ich konnte ihm nicht direkt helfen, denn die vom aufmerksam gewordenen (durch mein lautes Gepöbel!) „Sicherheitsdienst“ gerufenen Rettungskräfte haben ihn dann ziemlich zügig mitgenommen. [Polizei, Rettung und Krankenhaus sind hier nur 2 Straßen entfernt; die sind wirklich fix vor Ort]

Den Einkaufswagen haben sie natürlich stehengelassen. Wird vermutlich jetzt von der Stadtreinigung entsorgt? Selbst wenn er durchkommt…was hat er dann noch? Noch weniger als vorher?

Hat mich mal wieder sehr tief berührt dieser Tag muß ich sagen. Sterben die Leute jetzt schon öffentlich auf der Straße weg und niemanden interessiert es? Es ist schließlich ein Supermarkt-Parkplatz, also stark frequentiert und mit riesigen Schaufenstern. Schönere Orte zum Sterben gibt es allemal. Oder wird es zur Selbstverständlichkeit? Hmm.

Zeit mal auf sich selbst zu blicken.

Wer kennt das nicht in unserer modernen Welt: Über all die Jahre hat man sich zugemüllt, teilweise auch völlig über die Verhältnisse auf Pump & Kredit. Dinge ohne jeglichen Nutzen/Verwendbarkeit angehäuft…mit irgendwelchem Zeugs halt. Dazu gleich mehr, denn es umspannt sämtliche Lebensbereiche. Irgendwann kommt ein Punkt der Erkenntnis wo man sagt, ich habe weder die Zeit noch Lust, noch irgendeine Verwendung dafür. Tja, oder halt im schlimmsten Fall komplett den Überblick verloren. Dann wird’s gefährlich. Manche „halten“ 400 Wellensittiche in einer 2 Zimmer-Wohnung! Kann man nicht mehr schaffen. Ein Extrem-Beispiel, aber so was gibt es tatsächlich; jegliche Kontrolle verloren.

Aber trotzdem: Wer braucht motorisierte Pfeffermühlen, Kurvenlicht oder Alexa?

Wir haben zwar noch keine Weihnachtszeit, aber parallel hier zu dem Beispiel des Obdachlosen sollte eine gewisse Besinnung…oder sagen wir, Reflektion unserer Selbst/unseres Ich´s trotzdem das ganze Jahr über vorhanden sein. JEDEN TAG. Die Uhren, die Werbung, die Arbeitswelt drehen sich so schnell heutzutage. Vermutlich empfindet dies jeder so, der überhaupt noch etwas empfindet. Dieser ganze Input und Dauerfeuer von Außen schaltet unser Ich-Bewusstsein für Gelassenheit und Entspannungsphasen schleichend aus. Stück für Stück. Immer mehr Achtsamkeit geben wir ab. Negative Eigenschaften wie Stress/Raffsucht/Gier/Neid überwiegen als Konsequenz. Wir werden zu Egoisten, Singles, Einzelbewohnern & mündet mitunter zwangsläufig sogar in körperlicher & seelischer Gewalt wie Wut, Raub & Mobbing anderen Menschen gegenüber. Das kann passieren. Oder passiv, fast genauso schlimm: Resignation/Abgehängt worden/Drogenkonsum/Suizid. Kenne einige solcher Schicksale. Fühle mich verantwortlich ihnen zu helfen. Aber ich kann eben nicht Allen helfen! Das macht mich traurig.

Jeder will immer mehr. Du mußt buckeln damit Du kaufen kannst was sie Dir anpreisen, damit Du nicht abgehängt wirst. Du mußt cool und hip sein. So´n Obdachloser hat halt Pech gehabt…da kümmert sich schon jemand. So werden wir erzogen.

Was für eine abartige Arroganz!

Hier sind intelligente Tiere wie Affen, Wale, Delphine, Elefanten uns weit voraus. Sie pflegen, putzen und füttern sogar behinderte oder verletzte Artgenossen völlig selbstlos; das ist selbstverständlich. Ohne dieses soziale Verhalten würde kein Rudel/Schule/Gruppe ihrer Gattung existieren. Das wissen sie. Und wir sind gerade dabei es mit unserem angeblich überlegenen Verstand zu verlernen. Also wer ist hier bitteschön intelligent?

Vielleicht übertrieben.

Aber die Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr beispielsweise; da macht jeder was er will.

Möchte sagen, dies alles basiert auf dem uns eingeimpften Materialismus-Gedanken. HABENHABENHABEN! Haste was, biste was. Möchte mich selbst nicht davon frei sprechen. Besitze 5 Rucksäcke, kann aber nur einen tragen. 3 Lötkolben. 2 Fernseher. Weiß nicht mal nicht wie viele Computer…6 oder so? Habe 3 Auto´s, kann aber nur Eines fahren. 4 Fahrräder gleichzeitig…ähm…schwierig! Versteht ihr? Da sollte man sich ernsthaft mal fragen: WAS SOLL DAS GANZE? WAS TUST DU HIER?

Oder: „Alexa, kann das weg?“ Ja mit Sicherheit, Zulu. Hau wech!

Hab aber gar keine Alexa! 🙂

So´n Scheiß-Lautsprecher besitze ich nicht! Nur vermeintlich „nützliche Dinge“. Autoteile, Campingzubehör und viel Krempel habe ich eben auch einfach gekauft um sie zu testen. Aber sie taugten in der Praxis nichts oder benutze sie nicht. Ich rede aber trotzdem gerne mit einer fiktiven Alexa, quasi eben mit mir. Das fehlt gerade noch, daß ein Lautsprecher von Google uns Lebenstipps übermittelt. Ja…rede oft mit mir selbst. Eigentlich den ganzen Tag. Das ist aber gut, denn somit werden Eindrücke nicht einfach abgelegt, sondern vorm Abspeichern besser bewertet. Bewusstsein…





Damit zum eigentlichen Thema: Aufräumen.

Ballast abwerfen…wie ein Ballon, damit er aufsteigen kann. Bin gerade dabei, aber knallhart. Irgendwie hat´s mich gerade mal wieder erwischt: Alles Unnötige muß raus! Sommerschlußverkauf! Gnadenlos! Denn, man blickt irgendwann einfach nicht mehr durch bzw. benutzt es eh nie. Es ist zwar WICHTIG, sonst hätte man es ja nicht gekauft. Aber völlig durcheinander geraten und nicht griffbereit. Zu faul zum Suchen. Dinge im Kühlschrank/Vorräte vergammeln, wird also unbenutzt weggeschmissen. Das ist nicht gut.

Bei der Masse an Zeugs ist ein gutes Sortier-System wichtig, wie bei z.B. Computer-Dateien. Immer benennen, Ordner erstellen/Jahreszahl/Nummer machen/ablegen. So viele Festplatten und Bilder zu archivieren…da kann man nicht einfach stumpf drauf-kopieren. Genau wie den ganzen Papiermist der Behörden-Ordner. Muß gestehen: Ich habe ganz, ganz leichte Messi-Tendenz (hab ich vom Opa geerbt)…aber immer nur bis kurz davor, und dann kommt Tabularasa. Dauert dann mehrere Tage bis das fertig ist und es ist eine Qual. Wie geht es Euch?

Schrauben, Muttern, Werkzeuge, Elektrik…ein Griff, dann muß das da sein!

Dann fühlt man sich für den Moment ganz wohl. Alles sauber archiviert und aufgeräumt.

Aber kurz hinterher findet man eigentlich gar nix mehr wieder, und denkt:

Der Kleingeist hält Ordnung…das Genie überblickt das Chaos, oder?

Entropie (grob gesagt: Unordnung) ist ein Naturgesetz.

Dennoch, und so soll das Schlußwort lauten, wird man sich dabei bewusst, wie viel Krempel man sich eigentlich bisher angehäuft hat. Wahnsinn! Tut das Not?

Dann denke ich an den alten Mann mit dem Einkaufswagen.

LG Zulu

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Aufräumen
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5 Kommentare

  1. Zulu,

    ich denke, bevor die Menschen anfangen sollten ihre Schubladen auszusortieren , sollten sie ihren Kopf aufräumen. Wie man sich eislutschend mit seinen Kindern neben einem offensichtlich hilfbedürftigen Obdachlosen niederlassen kann und dann noch (schutz)behauptet, man hätte ihn nicht gesehen, läßt einen fassungslos zurück. Da fehlen mir ehrlich gesagt die Worte. Nennt man das nicht unterlassene Hilfeleistung? Diese Gesellschaft ist total kaputt im Kopf. Es sind nur noch konsumabhängige, egoistische Zombies, die allen Unannehmlichkeiten aus dem Weg gehen.

    Was das Aufräumen betrifft: Mein Männe ist auch so jemand, der, wenn man ausmisten will immer sagt, das kann man doch noch irgendwann einmal gebrauchen. Und da sehe ich einen großen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Männer denken praktisch (kann man nochmal gebrauchen), Frauen denken da emotional, weil an vielen Sachen eine Geschichte dran hängt. Frauen kaufen kein Werkzeug oder Schrauben, sondern Nippes und Dekoartikel, um das Nest schön zu machen. Und da sammelt sich auch einiges an, ich weiß wovon ich spreche.

    Liegt das nicht alles in der Natur des Menschen? Des Jägers und Sammlers? Mein Mann sagt manchmal nach dem Einkaufen: "Komm wir bringen erstmal unsere Beute nachhause".

    Und was diesen Obdachlosen betrifft mit seinem wenigen Hab und Gut. Ich gehe jede Wette ein, wenn Du diesem Mann eine Gartenhütte zur Verfügung stellen würdest, so würde er im Rahmen seiner Möglichkeiten diese Hütte nach seinen Vorstellungen auch besser herrichten, mit allem, was er dafür bekommen könnte, um es sich gemütlich zu machen. Jeder Mensch hat das Bedürfnis eines schönen Zuhauses. Jeder nach seinem eigenen Geschmack und seinen eigenen Möglichkeiten. Der gefüllte Einkaufswagen war sein Besitz, sein Schatz, eben im Rahmen seiner Möglichkeiten.

    Richtig wäre es gewesen, sein Hab und Gut zu sichern. Es evtl. zu reinigen und ihm nach seiner Genesung komplett wiederzugeben. Aber wer denkt heute noch über sowas nach? Die Konsumzombies sicher nicht.

    Und jetzt noch etwas zum Schluß. Nicht jeder Obdachlose legt wert auf einen festen Wohnsitz. Ich hatte mich vor Jahren mal mit einem unterhalten. Viele wollen in "Freiheit" und in der Natur bleiben. Da gibt es große Unterschiede.

     

     

     

     

     

    • Tja Angsthase. Wiegesagt, ich konnte mich nicht mit ihm unterhalten. Der hatte irgendeinen Krampf oder vermutlich Herzinfarkt. Du hast recht: Den Wagen hätte ich mitnehmen müßen. Aber ich war ausnahmsweise mit dem Auto da. Hinten umgeklappt, weil ich "Konsumjunge" 2 neue Regale drinne hatte plus den Einkauf. Hab auch vergessen zu fragen in welches Krankenhaus sie den Mann fahren, so aufgeregt hab ich mich. Manchmal kann man eben nicht so schnell entscheiden. Erst hinterher. 🙁

      Du hast recht. Habe mal einen Obdachlosen bei mir aufgenommen, damit er duschen und vernünftig schlafen konnte. Irgendwelchen Behörden-Kram haben wir auch noch am PC gemacht. Ein ganz lieber Geselle war das! Hat mir sogar ein Geschenk da gelassen. Nur dann wollte er irgendwann wieder raus auf die Straße. Tja.

      Einmal traf ich einen Professor. Alkoholiker, obdachlos. Seine Geschichte war auch krass. Es kann jeden treffen und so schnell! ALG1 ein Jahr; ALG2 2 Jahre mit Auflagen. DAS WAR´S! Wenn Du dann nicht funktionierst kannst Du verrecken. Interessiert keine Sau. Dich vermisst auch niemand mehr.
      Sehr, sehr traurig für ein so "reiches" Land.

      Jaa, aber da muß ich Deinem Mann in Schutz nehmen! So ist das! Haben ist besser als brauchen!
      Man weiß ja nie ob man es noch mal gebrauchen kann! Lieber erstmal weglegen…haha! cheeky
      Frauen Sammler, Männlein die Jäger? Das ist auch längst überholte Theorie, oder?

      Und ich sag mal so, einen gewissen Wohlstand haben wir uns schließlich auch hart erarbeitet.
      Bin jeden Tag dankbar für fließendes Wasser und eine warme Bude. Warum also nicht trotzdem frei Leben? Aber eben halt in dem Wissen der Dankbarkeit, Achtsamkeit und Wertschätzung.
      Es ist eben halt nicht selbstverständlich.

  2.  Zwei Themen geschickt miteinander verknüpft, die, auf den ersten Blick, nichts miteinander zu tun haben.

     Man hätte es auch mit "Haben oder Sein" überschreiben können. Die Inbesitznahme von Dingen (oder auch Menschen!) kompensiert die fehlende Liebesfähigkeit. Fehlende Empathie ignoriert den am Boden Liegenden …

     Wer penibel auf Ordnung achtet, versucht damit, auch sein inneres Leben zu ordnen? Alles hat sein Etikett und seine Schublade, wie von Angsthase angesprochen, vor allem, im Kopf! Es läßt den verunsicherten Menschen zumindest etwas Halt in dieser undurchsichtigen Welt finden …

     Ballast abzuwerfen, sich von unnötigen Gütern wie auch Menschen zu trennen, ist sicher nicht verkehrt. Das Aufräumen allein wird aber nicht helfen! Nichts zu besitzen, macht nicht automatisch einen "besseren" Menschen!  🙂

  3. Geh' mir aus der Sonne!

    https://de.wikipedia.org/wiki/Diogenes_von_Sinope

    „Die Griechen […] beschlossen, mit Alexander gegen die Perser einen Kriegszug zu unternehmen, wobei er auch zum Oberfeldherrn ernannt worden war. Da bei dieser Gelegenheit viele Staatsmänner und Philosophen ihm die Aufwartung machten und Glück wünschten, dachte er, daß auch Diogenes von Sinope, der sich eben in Korinth aufhielt, ein Gleiches tun würde. Aber dieser blieb ungestört in seiner Ruhe im Kraneion [Platz in Korinth], ohne sich im Geringsten um Alexander zu kümmern; daher begab der sich zu Diogenes hin. Diogenes lag eben an der Sonne. Als aber so viele Leute auf ihn zukamen, reckte er sich ein wenig in die Höhe und sah Alexander starr an. Dieser grüßte ihn freundlich und fragte, womit er ihm dienen könnte. ‚Geh mir nur‘, versetzte er, ‚ein wenig aus der Sonne!‘ Davon soll Alexander so sehr betroffen gewesen sein und, ungeachtet der ihm bewiesenen Verachtung, den Stolz und die Seelengröße des Mannes so sehr bewundert haben, daß er, als seine Begleiter beim Weggehen darüber scherzten und lachten, ausrief: ‚Wahrlich, wäre ich nicht Alexander, ich möchte wohl Diogenes sein.‘“

    – Plutarch: Alexandros 14

  4. Club Voltaire Münchne 1994 [Rational- Linke | Anti- Islam]: Gestatten ! Obdachlosigkeit scheint vielmehr eine Haltungssache zu sein! Ebenso jene (wie nennt man die?), die aus Abfalltonnen am Vorbeigehen kurz schauen, ob da was Essbares drin ist;  man kann welche beobachten, die gar nicht zerlumpt aussehen, aber systematisch in jede Abfalltonne schauen nach Essbarem, die nicht aussehen, als hätten sie das nötig! Es scheint eine Krankheit zu sein! Man kann ein paar Flaschen sammeln u. für  49 Cent  500 g Vollkornrot von Penny kaufen. Also, warum in Abfalleimern was zum Essen suchen?    
    II) Obige Texte sind  Übungen von Pflicht-Betroffenheit, wie von Politikern, wenn was passiert ist;  Obdachlosigkeit ist eine selbst verursachte, psychische  Krankheit – in die wohl hinein geschlittert wird! Dürfte auch was mit Selbsthass zu tun haben u. sogar Ideologie, nämlich !
    III) PAUPERISMUS:  Ende 12. Jh. gab es diese Aera  ja als Ideal, um Jesus nach zu eifern ! Man kann den Menschen alles, aber auch alles eintrichtern; 6.8.2019 Vors. A. Röck    

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