Beim Verbraucherschutzforum Berlin hat jemand die Insolvenzbekanntmachungen durchgeflöht und unter dem Datum 28.01.2026 über 50 neue Einträge gefunden.
Das habe ich entdeckt, als ich heute Vormittag meine Arbeitsplatz-Vernichtungsstatistik wieder einmal weitergeführt habe. (Seit Januar 2026 knapp 35.000 Jobs von Stellenabbau, Betriebsschließungen und Insolvenz betroffen)
Im Artikel konkret benannt wurden davon lediglich 20 Insolvenzen, rot markiert habe ich jene, die in meiner Statistik aufscheinen.
- Music Creation Group Midco II GmbH
- NATIVE INSTRUMENTS Holding GmbH
- Spark Networks GmbH,
- BuK Dienstleistung GmbH
- Homa Fly GmbH
- Projektgesellschaft FES 26 mbH
- TESPO Tennis- und Gartenservice GmbH & Co. KG
- XOUNTS Hamburg GmbH
- ao personal gmbH
- Neon Bau Partner Verwaltungs GmbH
- Okaidi Germany GmbH Youco24 Business Center
- Cleania UG (haftungsbeschränkt)
- percomis GmbH
- sonamedic GmbH
- Aslan AH GmbH
- LEVA Landwirtschaftliche Erzeugungs-, Verwertungs- und Aufbereitungs-GmbH
- Albirio Projektgesellschaft mbH & Co. KG
- D & W Glashandel GmbH & Co Glasbau Straubing-Süd KG
- Fensterbau Haas GmbH
- Latoria Immobilien GmbH
Natürlich handelt es sich hier um eine Momentaufnahme, die erst eine wirkliche Aussagekraft bekäme, gäbe es eine arbeitstägliche Zeitreihe über mindestens ein Jahr. Aber immerhin: Ein vermutlich zufällig ausgewählter Tag erbrachte eben nicht keine einzige Insolvenzanmeldung, sondern 50. Das Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung Halle liefer allerdings einen Vergleichswert: 17.604 Regelinsolvenzen hat es 2025 gegeben (der Merkur berichtet). Geht man von 250 Arbeitstagen aus, an denen Insolvenzen angemeldet werden können, dann waren das im letzten Jahr durchschnittlich 70 pro Tag.
Geht es also wieder aufwärts, weil es mit den Insolvenzen abwärts geht?
Von der Betrachtung des 28. Januar 2026 kann dies nun weißgott nicht abgeleitet werden. Im verlinkten Artikel des Merkur findet sich allerdings eine Aussage, die auf das Gegenteil hindeutet. Nach 471 Großinsolvenzen 2025 werden 2026 etwa 530 Fälle erwartet, in denen Unternehmen mit mehr als 10 Millionen Euro Jahresumsatz in die Insolvenz rutschen. Diese Prognose stammt von „Falkensteg“ und sie wird so begründet:
„Besonders die verarbeitende Industrie steht vor enormen Herausforderungen, da Überkapazitäten und sinkende Margen das Geschäftsmodell vieler Unternehmen infrage stellen. Die Gründe für diese pessimistische Prognose sind vielfältig: Ein schleichender Wettbewerbsverlust, anhaltender Fachkräftemangel, überbordende Bürokratie und stockende Investitionen überlagern sich zu einem komplexen Problemfeld. Zusätzliche Unsicherheit bringt Chinas erwarteter neuer Fünfjahresplan, der auf technologische Eigenständigkeit abzielt und deutsche Schlüsselbranchen wie Automotive und Maschinenbau weiter unter Druck setzen könnte.“
Tröstlich, dass sich auch Katherina Reiche mit dem Jahreswirschaftsbericht zu Wort gemeldet hat.
Da klingt doch alles schon sehr viel besser. Um 1,0 Prozent wird die deutsche Wirtschaft 2026 wachsen und 2027 um 1,3 Prozent. „das ist ein Anfang und die Signale sind ermutigend“, sagt Frau Reiche, und, „das ist kein Zufall, das ist Ergebnis einer gezielten Wirtschafts- und Finanzpolitik.“
Wer der deutschen Sprache einigermaßen mächtig ist, weiß dass eine Prognose noch kein Ergebnis ist, sondern eine Prognose, und, dass Frau Reiche eigentlich hätte sagen müssen: „Wir gehen davon aus, dass unsere gezielte Wirtschafts- und Finanzpolitik dieses Wachstum hervorrufen wird.“
Dies allerdings hätte vielleicht doch zu einer Nachfrage geführt, sinngemäß: „Welche Wirtschaftspolitik? Welche Finanzpolitik?“
Diese Klippe konnte erfolgreich umschifft werden.
Verräterisch jedoch die Appelle der Wirtschaftsministerin. Es brauche mehr private Investitionen, die von der Regierung mittels „Strukturreformen“ angeschoben werden. Was meint sie damit? Ich notiere das in Stichworten:
- Verfahren beschleunigen, statt sie weiter zu verkomplizieren
(Sie hofft also auf das Mirakel des Bürokratieabbaus.) - Arbeit muss erleichtert werden
(Da weiß Sie möglicherweise selbst nicht, was Sie damit meint.) - Mehr Menschen müssen arbeiten
(Das ist mal eine Ansage. Meint sie die Erwerbsfähigen im Bürgergeld, oder die Inder, denen der Zugang zum deutschen EU-Arbeitsmarkt via Freihandelsabkommen geöffnet wird.) - Die Arbeitszeit muss besser genutzt werden
(Das hat man in der jungen DDR 1953 auch schon versucht.) - Der Sozialstaat muss mehr auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet werden
(Das heißt vermutlich: Späterer Renteneintritt, Karenzeiten bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Reform der Grundsicherung, verpflichtende 41-Stunden-Woche, kein Anspruch auf Teilzeit, usw.)
Nachdem diese wohlfeilen Forderungen verdaut sind, regt sich ein gelindes Bauchgrimmen. War das die Wirtschaftsministerin, die Pläne aus ihrem Ressort verkündet hat? Oder war das die Wirtschaftsministerin, die damit zugegeben hat, dass ihr nichts anderes eingefallen ist, als den Schwarzen Peter an Bärbel Bas weiterzuschieben, von der bekannt ist, dass sie an diesem Spielchen gar nicht teilzunehmen gedenkt?
Roland Tichy hat sehr schön herausgearbeitet, was die Deutschen davon abhält, mehr zu arbeiten: Es lohnt sich einfach nicht! (Ein Viertelstündchen, zum Mitschimpfen).
Was er nicht erwähnt hat, und das ist kein Vorwurf, niemand kann in jedem Beitrag immer alles ansprechen, auch ich nicht, was er nicht erwähnt hat, ist die Voraussetzung, dass es nämlich Arbeit geben muss.
Da taucht dann doch gleich wieder die Frage auf: „Welche Wirtschaftspolitik? Welche Finanzpolitik?“
Obwohl Habeck schon ein Jahr lang nicht mehr für Wirtschaft und Klima zuständig ist, sind beide Politikfelder doch immer noch in weiten Teilen mehr auf dieses legendäre 1,5-Grad-Ziel und die Klimaneutralität bis Zwanzig-Irgendwann fixiert als wenigstens auf den Erhalt der noch vorhandenen wirtschaftlichen Leistungskraft.
Wer die Produktion „willkürlich“ verteuert und damit nicht nur einzelne Unternehmen zur Flucht treibt, sondern ganze industrielle Cluster und Lieferketten sprengt, wer US-Zöllen mit der Erhöhung der CO2-Abgaben begegnet, statt zu versuchen, die beschädigte Wettbewerbsfähigkeit durch Senkung oder Abschaffung dieser Luftsteuer zu kompensieren, wer zusieht, wie alleine VW 35.000 Jobs abbaut, statt sich in Brüssel mit der ganzen Kraft des EU-Zahlmeisters gegen Verbrennerverbot und andere schädliche Regelungen zu stemmen, sollte doch wenigstens eine Idee haben, welche Produkte durch Mehrarbeit und einen auf den Arbeitsmarkt ausgerichteten Sozialstaat zu wettbewerbsfähigen Kosten hergestellt werden sollen. Da sehe ich aber nichts.
Die Automobilindustrie schrumpft, die Stahlindustrie leidet, der Maschinenbau stirbt, die Chemie wandert aus, und für die KI bräuchten wir Strom.
Zum Zustand der Wirtschaft in Deutschland habe ich in der aktuellen Ausgabe von „EWK-Zur Lage“ folgendes geschrieben:
| Wirtschaft
Die Gastronomie hat tatsächlich den Corona-Satz der Mehrwertsteuer wieder, jedenfalls für Speisen. Auf den meisten Speisekarten hat sich das nicht erkennbar ausgewirkt. Ein Schelm, wer dabei denkt, das hätte etwas mit der Mindestlohnerhöhung zu tun. Frau Reiche, die das Wirtschaftsressort innehat, ist jedenfalls gedämpft optimistisch und erwartet für 2026 0,6 Prozent Wachstum als sichere Bank aus den schuldenfinanzierten Konsum- und Investitionsausgaben des Bundes. Weitere 0,4 Prozent resultieren aus der Feiertagskonstellation und der weiter fortschreitenden Rezession. Ist ganz einfach. Im Vergleich zu 2025 gibt es 2026 2,5 Feiertage weniger, die auf reguläre Arbeitstage fallen. Damit steht ein ganzes Prozent Wertschöpfungspotential mehr zur Verfügung. Weil es aber weiter abwärts geht, kann dieses Potential nur zu 40 Prozent genutzt werden – und das ist noch die euphorisch-positive Schätzung vom Jahresanfang. Zu dieser Einschätzung der Güte der Schätzung passen auch die Arbeitslosenzahlen, die Frau Nahles aus dem Inneren der Bundesanstalt zum Vorlesen vorgelegt wurden. Erstmals wieder über der magischen Zahl von drei Millionen, und gleich 177.000 mehr als im Vormonat. Über die Qualität dieser Zahlen habe ich oft genug abgelästert. Meine Faustformel: Nehmen Sie Faktor 2, dann haben Sie ungefähr die Zahl derer, die im landläufigen Sinne arbeitslos sind. Zur Wirtschaft gehört zwingend auch das Thema Energie. Mit dem Strom, dem heißbegehrten und teuer erkauften ist das so eine Sache. Es ist Winter und der spärliche Sonnenschein entlockt auch den größten Solarfeldern nur wenige Kilowattstunden an Strom. Mit dem Wind ist das auch so eine Sache, er weht nicht immer, und wenn er weht, oft nicht stark genug, um die Windräder überhaupt in Schwung zu bringen, und wenn die Spargel dann still und starr in der Landschaft herumstehen, dann liefern sie nicht nur keinen Strom, sie verbrauchen auch welchen. Nicht nur, um die Rotorblätter zu verstellen und um die gesamte Elektronik in der Gondel am Leben zu erhalten, sondern auch um die Rotorblätter zu heizen, damit die beim nächsten Windhauch nicht Eisbrocken mit mehreren hundert Stundenkilometern in die Landschaft werfen. Wenn also die noch nicht abgeschalteten Kohlekraftwerke auf Volllast laufen und dennoch Strom im Netz fehlt, müssen die Gaskraftwerke anspringen. Das Gas dafür kommt aus verschiedenen Quellen, nämlich einmal aus den Lieferungen und zum anderen aus den Gasspeichern. Weil die laufenden Lieferungen den Gasbedarf im Winter nicht decken können, sollen diese im Sommer aufgefüllt werden, um Winter die Reserven nutzen zu können. Die Bundesnetzagentur informiert regelmäßig, mit drei vier Tagen Verspätung über die Füllstände der Speicher. Wenn man die Differenz zwischen dem aktuellen Füllstand und den Daten der Vorjahre auf der Zeitachse nach vorne schiebt, dann sind die Speicher Ende Februar bei 10 Prozent. Das wäre noch nicht schlimm, aber je leerer die Speicher, desto langsamer vollzieht sich das Ausspeichern. Der Druck ist weg, auch wenn das Kissengas noch da ist, das gar nicht mehr angegriffen werden kann. Weil die Meteorologen davon ausgehen, dass die winterliche Witterung bei uns noch länger anhalten wird, laufen wir auf die Situation zu, dass die Industrie, soweit sie auf Gas angewiesen ist, den Betrieb einstellen muss, weil das verfügbare Gas vorrangig zu Heizzwecken eingesetzt werden muss. Das ist Gesetz, und es könnte sein, dass dieses Gesetz eingehalten werden wird. Nun ist nicht die gesamte Wirtschaft gasabhängig, aber im Verlauf der Lieferketten kommen da doch mehr Unternehmen zusammen, als nur jene, denen der Hahn abgedreht wird. Schätzt man, dass mit jedem Tag der Gasmangellage 0,1 Prozent der Wirtschaftsleistung verloren gehen, was ich für realistisch halte, dann ist das gesamte nicht schuldenfinanzierte Wachstum innerhalb von vier Tagen weg. Das ist die Rasierklinge, auf der die deutsche Wirtschaft tanzt und dabei ein Unternehmen nach dem anderen verliert. Aktuelle Informationen dazu finden sich immer noch und weiterhin in meiner Statistik der Arbeitsplatzvernichtung in Deutschland. Nicht in dieser Statistik zu erkennen ist der Prozess des Ausverkaufs der deutschen Wirtschaft an ausländische Konzerne. Adnoc, aus den VAE, hat erstmals einen DAX-Konzern geschluckt, Covestro. Die chinesische JD.com hat Mediamarkt/Saturn geschluckt, ebenfalls chinesisch, Anta Sports, prüft die Übernahme des Sportartikelherstellers Puma. Da wird sich Addidas warm anziehen müssen. Jindal Steel aus Indien will Thyssenkrupp Steel, Deutschlands größten Stahlhersteller – und die Liste vor allem weniger bekannter Mittelständler, die auf den Einkaufslisten von Chinesen, Indern, aber auch Polen und Tschechen stehen, ist lang. Wie lange nach der Übernahme noch in Deutschland produziert werden wird, ist meist nicht vorhersagbar. Es geht um Namen, um Marktanteile, um Knowhow – nicht darum, unter deutschbürokratischen Verhältnissen und bei deutschen Energiekosten in Deutschland produzieren zu können.
Am Ende des Jahres werden wir mehr wissen, ich wage trotzdem heute schon zu sagen: Es wird vor dem BIP-Wachstum ein negatives Vorzeichen geben.
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