45 Superreiche besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Deutschen

von Fred Schmid (isw)

Ausdruck struktureller Armut: die Notwendigkeit von Lebensmittelausgabestellen, wie etwa die deutschen Tafeln. Hier eine britische „food bank“. 2012 | Staffs Live, Flickr | CC BY-NC 2.0

Im isw-wirtschaftsinfo Nummer 51 „Bilanz der Großen Koalition 2013 – 2017“ vom April 2017 machte das isw e.V. auf eine himmelschreiende Ungleichverteilung in Deutschland aufmerksam: „Die 15 Reichsten haben so viel wie das halbe Deutschland“ (S. 30). Die isw-Analyse ist inzwischen durch eine DIW-Studie vom Januar 2018 im Wesentlichen bestätigt worden (DIW-Discussion Papers: Looking for the Missing Rich: Tracing for the Top Tail of the Wealth Distribution, DIW 2018).

Danach besaßen 2014 die reichsten 45 Deutschen so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung: Ein Geld-Hochadel von weniger als fünfzig Familien hatte also mit 214 Milliarden Gesamtvermögen Euro ebenso viel wie über 20 Millionen Haushalte (in Deutschland leben 82,5 Millionen Menschen in 41 Millionen Haushalten)[1] Wie das isw hat auch das DIW die so genannten Reichsten-Listen (z.B. manager maganzin, forbes) bei den Berechnungen hinzugezogen – „valide (wissenschaftlich zuverlässige – F.S) Schätzungen“ nennt sie Stefan Bach, der Leiter der DIW-Studie – wodurch das wirkliche Gesamtvermögen, vor allem aber die Konzentration an der Reichtumsspitze deutlich höher ausfiel, als bei Berechnungen etwa der Bundesbank und des Statistischen Bundesamts. In der amtlichen Statistik werden Superreiche systematisch unterschätzt bzw. kommen gar nicht vor. Einerseits, weil ihre Zahl so klein ist, dass sie in Stichproben nicht ausreichend erfasst werden. Zum anderen, weil die Statistiken auf freiwilligen Befragungen basieren und die Auskunftsbereitschaft mit wachsendem Reichtum nachweislich abnimmt.

Die wesentlichen Ergebnisse der DIW-Forscher: Den reichsten fünf Prozent der Bevölkerung gehörte 2014 51,1% des gesamten Vermögens. Ein Prozent der Bevölkerung (Haushalte) hatte ein Drittel (31,1%) und ein Tausendstel der Haushalte, also 41.000 – sprichwörtlich die „Oberen Zehntausend“ – nannten 17,4 Prozent des Gesamtvermögens ihr Eigen: 1.650 Milliarden Euro. Die unteren 50% der Bevölkerung – über 20 Millionen Haushalte – besitzen dagegen nur 2,3% des Gesamtvermögens: 214 Milliarden Euro.

Bevölkerung % des Vermögens
Reichste 10% 63,8
Reichste 5% 51,1
Reichstes 1% 33,1
Reichstes 0,1% 17,4
Ärmste 50% 2,3
Ärmste 70% 11,7

Quelle: DIW

Ungleichverteilung nimmt weiter zu

Die DIW-Reichtumsforscher schätzen ein, dass die Ungleichverteilung in den letzten Jahren noch krasser geworden ist. Stefan Bach im Interview mit dem manager magazin (24.1.18): „Wir gehen davon aus, dass die Topvermögen zuletzt stärker gestiegen sind als die anderen. Denn während etwa Immobilien und Unternehmensvermögen deutlich an Wert gewonnen haben, wachsen etwa Sparguthaben und die Werte von Lebensversicherungen der Mittelschichten kaum durch die Niedrigstzinsen“. Und: „Das Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte kam im Wesentlichen bei den reichsten zehn Prozent an“ (Spiegel-Interview, 26.1.18)

Es geht dabei nicht nur um die soziale Perversität dieser schreienden Ungleichverteilung. Stefan Bach weist in einem Interview mit Spiegel Online auf einen wichtigen politischen Aspekt hin: „Vermögen verhilft zu Unabhängigkeit, Macht und Einfluss. Global gesehen gibt es durch die Vermögenskonzentration Tendenzen zu Plutokratie und Refeudalisierung. Die Güternachfrage nimmt ab, Finanzmarktturbulenzen nehmen zu. Davon sind wir in Deutschland noch weitgehend verschont geblieben. Aber Unternehmerfamilien – und dabei handelt es sich meist bei unseren Superreichen – haben auch hierzulande enormen Einfluss auf die Politik. Sie haben direkten Zugang zu Kanzlerin, Ministerpräsidenten und Parteien. Ihre Verbände haben viel Geld, um Medienkampagnenzu führen“. Und nicht zu vergessen: Sie haben auch viel Geld, um sich Wissenschaftler und Wissenschaft zu kaufen. Kurz vor Weihnachten 2017 machte der drittreichste Deutsche, Dieter Schwarz – Lidl/Kaufland, Vermögen 22 Milliarden Euro (+ 16% gegenüber Vorjahr) – der TU München ein besonderes Geschenk: Er stiftete ihr 20 Professuren für deren „School of Management“. 13 Lehrstühle werden als Außenstelle der TUM im Lidl-Bildungszentrum Heilbronn, der Heimatstadt des Konzernherren angesiedelt. „Unternehmen bestellen Studien, engagieren Professoren und finanzieren ganze Institute,die in ihrem Sinne forschen“, schreibt Professor Christian Kreiß, von der Hochschule Aachen, der sich mit Lobbyarbeit beschäftigt.

Steuerprivilegien für Reiche

Der Einfluss der Reichen und Superreichen auf die Politik, macht sich insbesondere beim Steuer- und Abgabensystem bemerkbar, das eigentlich die Aufgabe hätte, die Ungleichheit in der Verteilung abzumildern. Stattdessen wurde die Vermögensteuer vor zwanzig Jahren durch die Kohl-Regierung gestrichen und die Spitzensteuersätze bei Einkommen und Unternehmen sind durch Regierungen von Rot-Grün, über Grokos bis Schwarz-Gelb gesenkt worden. Mehrwertsteuer und Energiesteuern wurden dagegen erhöht. Bach: „Die oberen Schichten sind entlastet worden, die mittleren und unteren dagegen belastet. Bei der Erbschaftsteuer gibt es exzessive Privilegien für Unternehmensübertragungen, an denen sich trotz einer vom Verfassungsgericht angeordneten Reform kaum etwas geändert hat. Das verhöhnt die Chancengleichheit“.



Wer etwas mehr Gerechtigkeit in unserem Land erreichen will, muss an die Privilegien und Schätze der Superreichen ran und wenigstens in Ansätzen eine Umverteilung von Oben nach Unten durchsetzen. Die Top 0,1 Prozent der Bevölkerung, also die 41.000 stein- und stinkreichen Haushalte besitzen 1653 Milliarden Euro an Vermögen, pro Haushalt im Schnitt etwa 40 Millionen. Eine Vermögensteuer von nur fünf Prozent würde dem Staat insgesamt 82,7 Milliarden Euro zusätzlich in die Kassen spülen (pro Kopf der Bevölkerung 1000 Euro). Geld, das u.a. für Investitionen in Bildung, für Öffentliche Daseinsvorsorge und für die Qualifizierung von Zuwanderern eingesetzt werden könnte. Und die Steuer würde noch nicht einmal an der Substanz der Mega-Reichen kratzen, da sie unter deren jährlichem Vermögenszuwachs von gut acht Prozent läge. Diese könnten dann lediglich mit etwas weniger Geld im Spekulations-Casino zocken. Ein weiterer Vorteil dieser Steuer wäre, dass sie infolge der Erhebung exaktere Daten für eine Vermögensstatistik liefern würde.

1001 Steinreiche – märchenhafter Reichtum in Deutschland

Im Oktober 2017 veröffentlichte das manager magazin (11A/2017) die jährliche Reichenliste. Im Editorial heißt es dazu:

„Weil nicht allein die einzelnen Besitztümer immer größer werden, sondern überdies die Anzahl der Multimillionäre und Milliardäre sprunghaft zunimmt, haben wir uns entschlossen, unsere Reichstenliste auszuweiten- von 500 auf die märchenhafte Zahl von 1001“.

Angeführt wird die Liste von der Familie Reimann (Reinigungsmittel, Kosmetik, Kaffee), mit einem Vermögen von 33 Milliarden (33 Tausend Millionen) Euro. Der Ärmste unter den 1001 ist immer noch 90 Millionen Euro schwer: Thomas Gottschalk. „Wetten, dass …“ er noch die 100-Millionen-Schwelle überspringt und dann zum Club der reichsten 1000 gehört.
Insgesamt finden sich auf der Reichstenliste 170 Milliardäre und Multi-Milliardäre – 16 mehr als im Vorjahr und 17 Milliarden schwere Familien-Clans. Die megareichsten Zehn – Reimann (33mrd. Euro), Quandt/Klatten (BMW, 31,5 Mrd.), Dieter Schwarz (Lidl, 22 Mrd.), Schaeffler (Conti, Autozulieferer, 22 Mrd.), Familie Albrecht und Heister (Aldi-Süd, 21,5 Mrd.), Familie Theo Albrecht (Aldi Nord, 18 Mrd.), Familie Otto (Otto-Versand, 13 Mrd.), Klaus-Michael Kühne (Kühne+Nagel, 11 Mrd.), Familie Thiele (Knorr-Bremse, 9,6 Mrd.), Familie Würth (Würth-Gruppe, 9,2 Mrd.) – brachten es auf zusammen 181,2 Milliarden Euro, 8,4% mehr als im Jahr davor.
Das manager magazin schreibt dazu: „Geld verdient Geld, wo schon viel ist, kommt auch noch mehr dazu. So lautet ein weitverbreitestes Vorurteil. Tatsächlich war es den Reichsten im Lande in den letzten zwölf Monaten ein Leichtes, ihr Vermögen zu steigern – obwohl die Banken praktisch keine Zinsen geben. Aber das Kapital der Geldelite parkt nicht einfach auf dem Konto, es vermehrt sich in Immobilien, Ländereien und vor allem Unternehmen“. Man kann es sprichwörtlich so ausdrücken: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“. Karl Marx nennt das zwar „Akkumulation des Kapitals“, aber Sch… ist es dennoch.


[1] Die Abweichungen zwischen DIW und isw resultieren daraus, dass das DIW die reichsten Deutschen der Reichenliste von 2014 entnahm und sie zum Gesamtvermögen von 2014 – 9,5 Billionen Euro (neuere Vermögenszahlen liegen nicht vor) – in Beziehung setzte; das isw nahm dagegen die Reichenliste von 2016 und bezog sie auf die 9,5 Billionen Euro.

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